19.02.17 // 19:00 // Lesung, „Engel und Schweine“ von Brygida Helbig

„Engel und Schweine von Brygida Helbig – ein kluges, einfühlsames, anregendes Buch.

Mit präziser Beobachtungsgabe und einem Sinn für schrägen Humor schreibt Brygida Helbig in ihrem Band „Engel und Schweine“ vom Leben zwischen Polen und Deutschland, einem Leben mit mehreren Identitäten. Der Slavist Manfred Mack –– seit 1989 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Polen-Institut in Darmstadt und u. a. Redakteur von „Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ von Karl Dedecius – hat das Buch schon vor seiner Veröffentlichung gelesen:

„Mir gefällt die (auto-)ironische Schreibweise der Autorin. Sie schont weder sich noch ihre Protagonisten und Protagonistinnen. Mit leisem Humor und feine Ironie beschreibt sie kleine und große menschliche Schwächen, ohne ihre Helden bloßzustellen.
Die literarische Leistung des Buches liegt für mich darin, dass es der Autorin gelingt, die Personen mit wenigen Strichen so plastisch zu schildern, dass ich beim Lesen der festen Überzeugung war, dass ich sie alle kenne. Auf jeder Seite spürt man, wie viel Brygida Helbig in Gisela Stopa, der Heldin der Erzählung, steckt, wenn auch fiktional verfremdet. Aber die autobiographischen Anspielungen sind kein Seelenstriptease und die Schilderung der anderen Personen ist keine Abrechnung. Ein kluges, einfühlsames, anregendes Buch. Und obwohl die hervorragende deutsche Übersetzung von Lothar Quinkenstein erst 11 Jahre nach dem Original erschienen ist, hat der Zahn der Zeit kaum am Buch genagt. Wer sich heute im Jahr 2016 mit offenen Augen in der deutsch-polnischen „Community“ bewegt, wird dieses kleine, große Buch jednym tchem (in einem Atemzug) schmunzelnd verschlingen. Meine Lieblingsstelle im Buch? Die Schilderung des Slavischen Seminars in Bochum mit den Professoren, die alle mit russischen Frauen verheiratet sind. Und der lapidare Kommentar eines Bochumer Slavisten: „Wo kämen wir hin, wenn jeder Biologe einen Elefanten heiraten würde?“

Manfred Mack

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Biogram Brygida Helbig – deutsch-polnische Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin,Univ.-Prof. geb. in Stettin, seit 1983 in Deutschland, lebt in Berlin,
Ihr satirischer Prosaband„Enerdowce i inne ludzie” („Ossis und andere Leute“, 2011) wurde für den wichtigsten polnischen Literaturpreis NIKE und für GRYFIA nominiert, ihr Roman „Niebko“ („Himmelchen“, 2013) kam ins Finale des NIKE-Preises. Im 2016 erschien ein Erzählband „Engel und Schweine“ (Anioły i świnie w Berlinie).Im „Teatr Studio am Salzufer” in Berlin wurde das auf ihren Texten basierende Stück „Pfannkuchen, Schweine, Heiligenscheine”(Reg. Janina Szarek) aufgeführt.Autorin der wissenschaftlichen Monographie „Ein Mantel aus Sternenstaub“(2004) über die rebellische Dichterin der Jahrhundertwende Maria Komornicka (Polnisch: „Strącona bogini“, 2010). Im 2016 erschien ihr biographischer Roman über Komornicka „Inna od siebie“.

„Engel und Schweine“

„Sie hatte immer Angst, etwas umzustoßen, etwas zu zerbrechen, ständig fürchtete sie, ein falsches Wort könne ihr herausrutschen, jeden Schritt, den sie in der Öffentlichkeit tat, sah sie als Auslöser einer Katastrophe.“

Voller Hoffnung auf ein besseres Leben kommt Gisela Stopa Anfang der 1980er Jahre aus Polen in die Bundesrepublik Deutschland. Dort muss sie erkennen, dass es für sie als „Wurstmenschin“ – ein Wesen von fragwürdiger Identität – alles andere als einfach ist, im goldenen Westen Fuß zu fassen. Gisela stolpert durch die Labyrinthe des Alltags, lernt Deutsch und passt sich an. Sie lindert ihr Heimweh mit einem Studium der Slawistik, verirrt sich in Beziehungen, verzweifelt an den Weisheiten von Psychologen und lässt sich trösten von den verständnisvollen polnischen Putzfrauen, die nach der Wiedervereinigung in die neue deutsche Hauptstadt strömen.

Mit präziser Beobachtungsgabe und einem Sinn für schrägen Humor schreibt Brygida Helbig vom Leben zwischen Polen und Deutschland, einem Leben mit mehreren Identitäten. Gisela Stopa auf ihrem Weg durch zwei Jahrzehnte deutsch-polnischer Beziehungen und damit verbundener Missverständnisse zu begleiten, führt zu der simplen wie schönen Erkenntnis: Gisela Stopa – das bin auch ich.

Biogram Lothar Quinkenstein, geb. 1967, Studium der Germanistik und Ethnologie in Freiburg/Breisgau. Lebte 1994-2011 in Polen, seit 2011 in Berlin. Seit 1999 Mitarbeiter des Instituts für Germanische Philologie der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznań. Unterrichtet seit 2012 im Rahmen des Studienganges „Interkulturelle Germanistik“ in Frankfurt/Oder und Słubice, außerdem Lehraufträge an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zahlreiche Beiträge – Lyrik, Prosa, Essay, Kritik – in deutschen und polnischen Zeitschriften: Ostragehege, Palmbaum, Signum, Krautgarten, Miasteczko Poznań, Borussia, Prowincja, Gazeta Malarzy i Poetów. Konzipiert Literaturveranstaltungen zu deutsch-polnischen / mitteleuropäischen Themen, z.B.: „Bruno Schulz – ein Kabbalist der Moderne“, „PeriGraphien – Europas Ränder, Europas Mitte“ (in Zusammenarbeit mit der deutsch-polnischen Buchhandlung Buchbund, Dezember 2015–Februar 2016).